BROTHER & SISTER

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Heinrich-Hertz-Schule und Hamburg Ballett

Die Welt des Theaters ist etwas Besonderes und weckt Neugier bei den Menschen. Doch normalerweise bekommt das Publikum nur das Endergebnis mit, die Vorstellung und die ihr eigene Magie. Die gesamte Entwicklungsphase eines Theaterstücks, das, was hinter den Kulissen geschieht, bleibt für das Publikum geheimnisvoll und verborgen.

Diese Magie geht jedoch nicht verloren, wenn die Geheimnisse aufgedeckt werden; vielmehr wird das Ergebnis interessanter, wenn die Leidenschaft, mit der ein Stück kreiert wird, auch wahrgenommen werden kann. Wie wird eine Vorstellung vorbereitet? Wie verlaufen die Proben? Wie wird aus einer Idee ein Theaterstück oder eine Choreografie? Wie viel Arbeit steckt dahinter? – Diese Fragen bleiben für viele oft unbeantwortet.

Bereits seit drei Jahren ermöglicht das Hamburg Ballett den Schüler*innen der Heinrich-Hertz-Schule eine solche Erfahrung. Im letzten Jahr bekam auch ich die Chance, in dieses Projekt einzusteigen. Die Reise begann für mich, als die organisatorische Leiterin des Ballettzentrums, Indrani Delmaine, für die geflüchteten Schüler*innen, die an der Heinrich-Hertz-Schule eingeschult wurden, eine Führung durch das Gebäude organisiert hat. Bei dieser Gelegenheit hat sie meinen Kollegen Braulio Alvarez und mich gefragt, ob wir einen Workshop vorbereiten wollten, was wir natürlich wollten.

Bei diesem Workshop haben Braulio und ich zunächst über den Alltag der Tänzer berichtet: Wann fangen wir morgens an zu trainieren? Wie lange gehen die Proben? Wie viele verschiedene Vorstellungen bereiten wir gleichzeitig vor? Wie viele Vorstellungen tanzen wir in einer Spielzeit? usw. Im zweiten Teil des Workshops ging es darum, selbst in die Haut des Tänzers zu schlüpfen und mit dem eigenem Körper zu erleben, was es bedeutet, Ballettbewegungen zu machen.

Neben den Übungen, die Tänzer*innen täglich im Training absolvieren, konnten die Schüler*innen erfahren, wie es sich anfühlt, an einer Choreografie zu arbeiten. Die Schüler*innen sollten sehen, wie man eine Choreografie erlernt, wie man mit der Gruppe oder mit einem Partner synchron und zur Musik tanzt und wie lange man daran arbeiten muss, bis eine Choreografie reif für die Aufführung vor Publikum wird.

Nach diesem einstündigen Workshop war die Begeisterung auf beiden Seiten groß und führte zu der Idee, aus einem Workshop ein längeres Tanzprojekt zu machen. Einmal wöchentlich arbeiteten wir im letzten Schuljahr unter dem Motto »Tanz als verbindendes Element« mit den Schüler*innen.

Im Schuljahr 2016/17 wurde der Kurs mit mir und der Unterstützung und den neuen Inspirationen meiner guten Freundin, hervorragende Tänzerin und Kollegin Winnie Dias fortgesetzt.

Winnie und ich trafen uns jeden Mittwochvormittag im Ballettzentrum mit zwei Schulklassen und arbeiteten gemeinsam an einer Choreografie zur Musik des australischen Singer-Songwriters Matt Corby.

Dieses Mal hatten wir zwei sehr unterschiedliche Klassen, die uns mit ihrem Einsatz für Zusammenarbeit und Solidarität berührt haben. Bewegung und Tanz haben tatsächlich eine magische Kraft, Menschen zusammen zu bringen. Tanz ist eine nonverbale Kunstform, in der alle gleich sind. Hier gibt es keine verschiedenen Akzente und Aussprachen, sondern lediglich eine universelle Körpersprache.

Wir beide waren erstaunt darüber, wie diszipliniert, aufmerksam, präsent und mit wie viel Enthusiasmus die Schüler*innen gearbeitet haben. Es war ein großes Vergnügen, dies zu erleben!

Das Glücksgefühl des Tanzens ist umso größer, wenn man es mit anderen Menschen teilen kann und ihnen so die Möglichkeit gibt, es selbst zu erfahren.

Höhepunkt der diesjährigen Reise war eine qualitative sehr  gelungene Aufführung in der Heinrich-Hertz-Schule. Die Aufregung unter den Schüler*innen war deutlich zu spüren und wir freuten uns über diese Erfahrung, denn auch dies ist ein wichtiger Teil des Tänzerlebens. Die Schüler*innen tanzten mit Energie, mit voller Konzentration und Ausstrahlung –Wir waren sehr stolz auf sie!

Wir hoffen, dass die gemeinsame Arbeit den Schüler*innen so viel Spaß bereitet hat wie uns. Wir hoffen auch, dass diese Erfahrung in ihnen die Freude am Tanzen geweckt und die Gemeinschaft untereinander gestärkt hat: »Brother« hieß der Titel der Musik, zu dem die Schüler*innen getanzt haben. Wie schön wäre es, wenn einige von ihnen durch die Zusammenarbeit einen neuen »Bruder«, eine »Schwester« bzw. Freunde gewonnen hätten.

Text:  Miljana Vračarić

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